Das Messstellenbetriebsgesetz: Neue Geschäftsmodelle im Messwesen - Chancen und Risiken für den Energievertrieb

Mit der Veröffentlichung des Messstellenbetriebsgesetzes (MsbG) und der Eröffnung des Konsultationsverfahrens für die zukünftige Marktkommunikation ist der Startschuss für den bundesweiten Rollout von intelligenten Messsystemen und modernen Messeinrichtungen gefallen. Für viele Netzbetreiber, als grundzuständige Messstellenbetreiber (gMSB), ist der Rolloutpfad definiert und  die Umsetzung bereits im vollen Gange.

Auch die Energievertriebe müssen sich in diesem neuen Marktumfeld platzieren und die eigenen Chancen identifizieren und nutzen. Für Vertriebe bietet sich mit einem Engagement als wettbewerblicher Messstellenbetreiber (wMSB) die Möglichkeit, ein neues Geschäftsfeld auszubauen und die Geschäftsentwicklung voran zu treiben. Obwohl die ersten Strom- und Messstellenkombiprodukte bereits im Umlauf sind, stellen sich viele Vertriebe noch die Frage, ob sich der wettbewerbliche Messstellenbetrieb lohnt und welche Chancen und Risiken das Messstellenbetriebsgesetzes darstellt.

Chancen durch das MSbG für Vertriebe:

  • Messentgelte in Millionenhöhe werden neu verteilt. An diesem Markt kann der Vertrieb als wMSB teilhaben, je nach Strategie in Abgrenzung oder Ergänzung zum gMSB.
  • Bei der Übernahme der Rolle wMSB lassen sich Messsysteme und Liefervertrag in Kombiprodukten koppeln. Das dient der Kundenbindung (und dem Upselling), aber auch der Investitionsabsicherung (z. B. im Falle eines Konzessionsverlustes).
  • Die Beschäftigung mit dem Thema intelligenter Messsysteme (iMSys) kann zudem die Ausgangsbasis zur Entwicklung eines breiteren Produktportfolios bieten. Dieses wird durch den zunehmenden Umsatzverlust im Commodity-Bereich zweifelsfrei notwendig.
  • Die Nutzung von Verbrauchsdaten der Kunden und perspektivisch der Zugriff auf die Steuerung von Kundenanlagen bilden die Basis für neue (Mehrwert-)Produkte. Der Vertrieb kann für die Ausführung seiner Produkte hierbei über zwei Varianten auf Daten und Steuerungsmöglichkeiten bei Kunden zugreifen:
    • Als eigener wMSB bietet sich der Vorteil der 100%igen Sicherheit auf den Datenzugriff und die Abwehr von jeglichen Ambitionen eines fremden wMSB.
    • Alternativ müssen sich Vertriebe in der Rolle eines externen Marktteilnehmers (EMT) die Daten über den eigenen gMSB oder fremden wMSB beschaffen.
  • Der Markt der bisherigen SLP Privat- und Gewerbekunden mit einem Verbrauch zwischen 6.000kWh bis 100.000kWh sowie der der Einspeiserkunden über 7kW bietet das iMSys neue Tarif- und Dienstleistungsmöglichkeiten (Energiemanagement, Spitzenoptimierung etc.). Dieses Kundensegment und jenes mit einem Verbrauch über 100.000kWh werden die höchste Wettbewerbsintensität erfahren.
  • Der wMSB kann, anders als der gMSB, einen Laufzeitvertrag abschließen und somit Kunden länger an der Messstelle binden. Auch kann er in Kombiprodukten die, zum Teil massiv erhöhten, Messentgelte besser integrieren. Alternativ hat der Vertrieb die Möglichkeit die Messentgelte des gMSB nicht oder nur reduziert an seine Kunden weiter zu verrechnen.
  • Der Abrechnungs- und Dienstleistungsmarkt in der Wohnungswirtschaft wird durch das Gesetz neu aufgerollt. Hier kann der wMSB bzw. der Vertrieb als EMT in neuen Segmenten tätig werden. Falls man in diesem Segment bereits tätig ist, muss mit neuen Produkten und neuen Wettbewerbern gerechnet werden.

Risiken durch das MSbG für Vertriebe:

  • Auch wenn der Kundenmehrwert des iMSys allein nicht groß ist, werden andere Marktteilnehmer diese Umbruchphase nutzen und intensiv versuchen,  Kunden mit neuen Produkten anzusprechen und abzuwerben. Kunden ohne ausreichende Informationen zum neuen Gesetz können demnach leichter mit Angeboten gelockt werden.
  • Die Reaktion der Kunden auf diese neue Produktwelt, die Preise und insbesondere das Verhalten auf den Rollout des gMSB sind schwer abzuschätzen. Im schlimmsten Fall kann es, ähnlich wie im Umfeld der L-auf H-Gas Umstellung, auch hier zu umfangreichen Kündigungen auf der Vertriebsseite kommen, obwohl der Rollout nur den gMSB und die Netzseite betrifft.
  • Die neuen Preisobergrenzen im iMSys Segment bringen Messentgelterhöhungen von mehreren 100% mit sich. Wenn der Vertrieb diese 1:1 weitergibt, führt das zu großen Unsicherheiten und fördert schließlich den Wechselwillen bei Kunden.

Hat sich ein Vertrieb für ein Engagement als wettbewerblicher Messstellenbetreiber entschieden, stellen sich viele Herausforderungen und Fragen: Wie kann das neue Geschäftsfeld erfolgreich ausgerichtet werden? Wie sieht ein tragfähiges Produkt- und Dienstleistungsportfolio aus? Welche Umsetzungsvarianten insbesondere aus Sicht der IT-Architektur gibt es? Antworten auf diese Fragen liefert eine eigenständige wMSB-Strategie, die die Basis für eine optimale Vorbereitung und erfolgreiche Umsetzung bildet.

c.con berät bei der Konzeption und Umsetzung des wettbewerblichen Messstellenbetriebs mit vielfach erprobten Methoden in der strategischen Positionierung, der kaufmännischen Betrachtung und Ausgestaltung der Rollen grundzuständiger und wettbewerblicher Messstellenbetreiber sowie in der Konzeptionierung der zukünftigen IT Landschaft, Aufbau- und Ablauforganisation. Kontaktieren Sie uns gerne unter ccon@ccon.com.